Out in Luckenbach

Mai 29, 2011

Hierher pilgern die Fans, um bei Countrymusik und Bier zu entspannen

Hierher pilgern die Fans, um bei Countrymusik und Bier zu entspannen

Durch ein Lied fand er den Weg auf die Landkarte. Der Drei-Einwohner-Ort in Texas ist Pilgerstätte für Country-Fans Read the rest of this entry »

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Sie wundern sich, wenn Sie erfahren, dass Ihr Lebenspartner, mit dem Sie unter einem Dach leben, gegenüber Dritten behauptet, er lebe in einer WG? In vermeintlicher „Gedankenlosigkeit“, die nur dann endet, wenn Standhaftigkeit in einem anderen Bereich nicht mehr nötig ist? Sie müssen sich nicht wundern. Dafür gibt es eine Erklärung.

Es ist ein paar Jahre her, dass ich durch die Erfahrung mit einer intelligenten und hübschen Testosteronbombe lernen musste, dass der WG-Begriff ein dehnbarer ist. Per Wikipedia-Definition beschreibt die Wohngemeinschaft das Zusammenleben unabhängiger, nicht verwandter Personen in einem Wohnraum. Hinzu kommt die Gattung der Zweck-WG. Fälschlicherweise wird diese im Internet-Wörterbuch und im Volksmund als das Zusammenleben einzig aus Gründen der Kostenersparnis bezeichnet. Aber wir wissen ja alle: Wikipedia ist keine zuverlässige Quelle.

Die weit verbreitete, selbst erlebte Wahrheit ist: Zweck-WG bedeutet im 21. Jahrhundert, dass man vorgibt, in einer WG zu wohnen, zu dem Zweck, sich dem Gegenüber als unabhängiger Single auszugeben. Übergeordneter Zweck: das Gegenüber flach legen. Ich habe diese Definition sicherheitshalber auswendig gelernt.

Gestern dann endlich der große Moment: Auswendig Gelerntes in der Praxis anwenden. In einer geschichtsträchtigen Bar behauptete mein Gesprächspartner, dass auch er in einer WG lebe. Er habe mit seiner Mitbewohnerin aber nichts zu tun. Das störe ihn allerdings nicht besonders. Sei halt eher eine Zweck-WG.

Alarm!

Hier sei angemerkt: Die Vorgabe einer Zweck-WG hat per aktueller Definition auch einen Haken.

Sie funktioniert nur, wenn das flachzulegende Gegenüber informationsmäßig und koital unterversorgt ist.

Aber ich war informiert. Mein Gesprächspartner hing am Haken und ahnte nichts davon. Profis bei der Arbeit.

Ich wies ihn also darauf hin, dass er mit seiner Freundin zusammenlebt und ich es komisch fände, dass er gar nichts mit ihr zu tun habe. Erst langes und hohlköpfiges Schweigen, dann ein bisschen Zappeln am Haken, dann die wahrheitsgemäße Antwort: Scheiße!

Was für ein exklusiver Moment! Ich hoffte auf ehrliche Antworten. Meine anschließenden Rückfragen beantwortete er aber, anders als erhofft, recht stümperhaft („Das mache ich sonst nie“). Nach kurzer Zeit fand ich, dass es an der Zeit wäre, ihn in seine WG zurück zu schicken. Der Abend war zu Ende.

Um dem anderen, wahrscheinlicheren Ausgang solcher Abende vorzubeugen, fand ich, es sei an der Zeit, dass Wikipedia nachzieht. Den neuen Definitions-Vorschlag habe ich mit Bitte um Freischaltung verschickt. Doch vermutlich wird er nie abgesegnet werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Zweck-WGler für den Haken verantwortlich ist, ist einfach zu groß.

„Da hast Du in den letzten Jahren aber einiges falsch gemacht“, sagt die blonde Frau und zeigt auf meinen Kopf. Dann zieht sie einzelne Strähnen nach oben, zwirbelt sie zwischen ihren Fingern und hält sie mir direkt vor die Augen.

Ich habe das Gefühl, dass ich jetzt irgendetwas sagen sollte, aber ich weiß einfach nicht, worauf die Friseurin hinaus will. Ich weiß nur: die Haare müssen ab. Ich sitze auf dem Frisierstuhl eines Salons in der Osterstraße.

Nun, ich weiß eigentlich überhaupt nicht mehr, wie das so geht beim Friseur. War seit Jahren nicht mehr da. Meine Haare haben deshalb eine respektable Länge erreicht und wurden zunehmend unpraktisch. Kämmen und fönen und waschen und so.

Meine Friseurin, nennen wir sie Nina, nimmt jetzt jedenfalls neben mir Platz und sammelt sich. „Wie oft wäscht Du Dir die Haare“, fragt sie. Mit meiner Antwort, nämlich täglich, scheint sie nicht zufrieden zu sein. Das hätte sie sich schon gedacht. Mein Shampoo, sei zudem die komplett falsche Wahl.

Jetzt zur Spülung. Bei dem Thema kann ich punkten, denke ich und erzähle, wie toll ich Spülungen finde. „Ja, aber“, setzt sie jetzt an, „wo benutzen Sie denn die Spülung?“ Wie? Wo? Ich strecke meine Hand durch den schwarzen Überwurf und zeige grob in die Richtung meiner Kopfbehaarung. Das hatte sie sich auch schon gedacht. Spülung benutzt man nur in den Spitzen, erfahre ich jetzt. Sonst passiert irgendwas mit den Haaren, wobei ich jetzt allerdings vergessen habe, was genau.

Jetzt könnte sie mal anfangen zu schneiden. Macht sie aber nicht. Sie will mit mir wieder übers Haarewaschen reden. Ihr „ganz persönlicher“ Tipp: Trockenschampoo. Das würde zwar streng riechen und die Haare im Ansatz grau färben aber so könnte man eben auf Shampoo verzichten. Hurra, denke ich. Graue Haare, die stinken. Ich habe auch schon mal bessere Tipps bekommen.

Nina trägt übrigens, wenn man mal mal ehrlich ist, ein ziemliches Durcheinander auf dem Kopf. Stellenweise tupiert und ziemlich unsortierte Restlocken. Sie sagt, das sei noch ihre Partyfrisur vom Wochenende. Hat sie seitdem – heute ist Dienstag- noch nicht waschen müssen, erzählt sie ein bisschen stolz (wegen Trockenshampoo). Ich überlege, ob das die Lösung sein kann, als sich Nina endlich in Schneideposition begibt. „Das war nur Schneiden, oder?, fragt sie. „Nein“, sag ich. Mit Waschen. Bitte.

Juliane Kmieciak

Und ich sach noch

Juli 22, 2010

In der deutschen Sprache bürgern sich ja mitunter häßliche Ausdrucksformen ein. Ständig „halt“ zu sagen zum Beispiel. Aber gut, daran will ich mich nicht festbeißen. Ist halt so. Ebenso gängig, zumindest im Norden des Landes, ist der Gebrauch von „ich sach“, zu deutsch: ich sage.

Im Kindes- und Jugendalter lernen die meisten Menschen im besten Fall, Dinge zu abstrahieren, sind also in der Lage, Situationen auf einer höheren Ebene zusammen zu fassen. Aus:„Erst hat er mir meine Banane weggenommen, dann habe ich gesagt…, dann hat er gesagt…, dann hat sie sich eingemischt, dann habe ich die Banane zurückgeklaut und dann…..“ würde also mit zunehmend geistiger Reife schlicht werden: „Wir haben uns um eine Banane gestritten.“ Viele Menschen halten von der Runterbrecherei auf die Kernaussage nichts, haben Angst, dass ein Originalzitat unerwähnt bliebe. (Gerade Frauen, damit sie dieses in alle erdenklichen Richtungen zur Unkenntlichkeit kaputtdeuten können). Dabei bedienen sich viele dem sprachlichen Stilmittel „Ich sach“. Dahinter steht gedanklich ein Doppelpunkt, wir geben also Gespräche in der direkten Rede wieder, wie bei Lessing, nur nicht so schön.

Heute erzählte mir eine Bekannte. „Und ich sach noch: das is ’ne Unverschämtheit. Ich sach: ehrlich. Ich sach: so geht das nicht.“ Sachte sie.

Wenn man schon nicht umhin kann, Situationen wie ein Diktiergerät wieder zu geben, dann gebe es jedenfalls viele andere und meist auch treffendere Verben. Vorschlag: „Und dann beschwerte ich mich über diese Unverschämtheit und machte deutlich, dass das so einfach nicht geht.“ Vielleicht auch nicht so eine riesige Idee, aber allemal besser als der Extremfall: Die „ich-sach-noch-Variante“ wird nämlich auch gerne um die „sach- ich-Variante“ erweitert. „Und ich sach noch: so geht das nicht, sach ich.“ Auf diese Verwendung angesprochen, würden viele wahrscheinlich erst mal erstaunt reagieren (da sachste was!) und sich dann vermutlich rechtfertigen: “Ist halt so“.

Das derzeitige Schwitzen, der Drang, sich minütlich die Hände zu waschen und der nächtliche Kampf gegen die Decke (die einen bedecken soll ohne zu wärmen), drängt einem ja einen Artikel über die Hitzewelle auf. Aber über das Wetter schreibt man ja bekanntlich nur, wenn einem sonst nichts einfallen will. Also schreibe ich lieber über die wetter- und gesprächskulturlose Zone des Fahrstuhls. Jeden Tag fahre ich mit dem Lift in den zweiten Stock ins Büro.  Zur Pause wieder runter, nach der Pause wieder hoch und abends zurück. Eine Fahrt dauert 17 Sekunden. Und oft bin ich nicht der einzige Fahrgast. Es scheinen für die kurze Zeit, die man gezwungenermaßen miteinander verbringt, jedoch Regeln zu gelten, die sonst niergends herrschen. Irgendwo muss zumindest geschrieben stehen, dass man während der Fahrt die Richtung derselben oder zumindest die Zieletage in irgendeiner Form zu kommentieren hat. Das geht ungefähr so: „Oh, sie fahren in den Zweiten, junge Dame. Sie wollen wohl hoch hinaus, was? “ oder auch: „Ach, nach unten geht’s. Nehmen Sie mich dann eine Etage mit?“ Als bliebe einem die Wahl.  Ich antworte dann stets brav im Fahrstuhlsoziolekt: „Ja, genau, ich will hoch hinaus, aber bis in die Dritte habe ich es noch nicht geschaftt“ und  „Na klar, fahren wir eine Station zusammen.“ So geht es tagein tagaus. Alles nette Menschen vermutlich, aber die Kargheit des Ratterlifts, die mangelnden Assozitaionsmöglichkeiten und die Kürze der Fahrt zwingen einen zu derlei ungeübt wirkendem Smalltalk.  Heute versuchte ich deshalb mit meinem schweißgeperlten Mitfahrer eine neue Gesprächskultur zu etablieren und landete wieder beim Wetter:  „Bei den Temperaturen zu arbeiten, ist ganz schön hart“, sage ich und wische mir nochmal demonstrativ mit den Händen den Schweiß von der Stirn. Er darauf: „Ich fahre ja in den Keller, da gehts“. Wie man es dreht, letztendlich hat jeder doch nur seine nächste Station im Kopf. Wie im wahren Leben

Echte Kiffer

Februar 2, 2010

Auf dem Barhocker neben mir sitzt S. mit übereinander geschlagenen Beinen. Marke: Erfolgreiche Geschäftsfrau, die nach der Arbeit in der hippen Agentur noch schnell auf einen Drink in irgendeiner Lounge einkehrt. An den Füßen Pumps, adretter Rock, weiße Bluse, gescheitelt und gekämmter Pagenkopf, Perlenstecker an den Ohrläppchen. S. erzählt vom Tag im Büro, von Aufträgen, Erfolgen und Herausforderungen. Dazwischen greift sie immer wieder mit einer schnellen Handbewegung zum Becks und nimmt einen tiefen Schluck, raucht dabei viele Malboro Lights. Die Hände suchen immer wieder den Blackberry. Hat der Chef geschrieben? Termin verpasst? Es dauert eine Weile, bis sie ruhiger wird. Nun pustet sie den Rauch immer langsamer aus, wirft dabei den Kopf in den Nacken und legt die Brille zur Seite. Feierabendgefühl an diesem verschneiten Montag in Eimsbüttel. Der Barkeeper unterhält sich derweil mit einem Glatzkopf, Marke: Wanted! Der erzählt von Drogen, von gutem und schlechtem Koks, von Heroin, von Vollrausch. „Ich hätte viel zu viel Angst“ sagt dann S. und spitzt den Mund. Die Glatze äfft sie nach, wie damenhaft sie redet, wie sie raucht. Dann steckt er sich einen Joint an. Da plötzlich kriegt S. große Augen und klatscht mit den Händen. „Darf ich mal?“ fragt sie strahlend. Jetzt schüttelt sich der Typ vor lachen. Was ist denn?, schimpft sie. „Meinst Du, Perlenohrringe kiffen nicht?“

Die Ball-Probe

Januar 24, 2010

Es gibt ja Leute, die gehen nirgendwo allein hin. Nicht ins Kino, nicht ins Café, nicht ins Schwimmbad. Es ist die Angst, als Einzelner allein zu sein, in einer Gesellschaft, in der Paare sogar den Toilettengang gemeinsam unternehmen. Ich finde das albern. Allein im Kino in der letzten Reihe ein Glas Rotwein trinken und „Effie zu Briest“ schauen, hat doch etwas Romantisches. In Kneipen und Cafés den Gesprächen der Verzweiflungstäter am Tresen zu lauschen, kann aufregender sein, als die letzte Einstellung einer Gute Zeiten, Schlechte Zeiten Folge. Am vergangenen Samstag aber habe ich den Schwierigkeitsgrad der Alleinunternehmungen deutlich erhöht. Es ging für mich auf den Hamburger Presseball. Allein. Ohne Anhang und ohne Aussicht auf dem Tanzparkett Bekannte zu treffen. Auf der Hinfahrt im Taxi zweifle ich an der Sinnhaftigkeit der ganzen Aktion. Mit Freunden „Wetten, dass…?“ gucken, wäre vielleicht doch lustiger gewesen. Mit Turm auf dem Kopf und kleinem Schwarzen werde ich vor dem Atlantik Hotel rausgelassen. Ich gehe direkt in den großen Festsaal. Die meisten kenne ich vom Sehen. Aber das bringt mir nichts. Mich kennt niemand. Noch nicht mal vom Sehen. Ich suche einen Platz, an dem Alleinsein irgendwie normal aussieht. Nichts geht da besser als die dunkle Hotelbar. Barhocker geschnappt, Rotwein bestellt, Gauloise Rouge in den Mund gesteckt – fertig. So geht das. Ich übe Ringe pusten und beobachte ein altes Paar, dass neben mir sitzt und sich seit 20 Minuten bei Jever Fun anschweigt. Immerhin schweigt mich keiner an. Trotzdem habe nach dem zweiten Merlot Lust auf Reden. Ole von Beust steht neben mir am Tresen. Ich könnte ihn nach der Finanzierung der Elbphilharmonie fragen oder nach der Schulreform. Könnte ich aber auch lassen. Aus der Menge heraus steuert nun ein junger Typ mit Nickelbrille auf mich zu. Er bietet mir ne Zigarette an. Schon beim ersten Zug sagt er, seine Freundin, die auch da wäre, würde gleich sehr böse reagieren. Entspannte Freundin, denke ich. Dann lieber allein da sein, als so eine im Schlepptau. Wir unterhalten uns trotzdem zwei Wein- und etliche Zigarettenlängen bis die Grande-Dame wütend anstapft. Ich bin dann mal weg. Ich merke den Wein und möchte reden, mir egal mit wem. Das alte Pärchen hat sich zwei neue alkoholfreie Biere bestellt, mein Tresenfreund küsst seine kühle Blonde und für Ole sind mir immer noch keine Fragen eingefallen. Zeit, zu gehen. Im Taxi bin ich irgendwie stolz. Ich glaube, so uncool sah das Ganze nicht aus. Eigentlich ganz lässig. Aber viel lässiger ist es, jetzt Freunde zu haben, die man besuchen kann, um den Abend ausklingen zu lassen. Irgendwie hat die Autorin Anna Gavalda doch recht: Zusammen ist man weniger allein.