Kuba aus Sicht der Einheimischen entdecken

Juni 9, 2012

In Privatunterkünften übernachten Reisende zu günstigen Preisen. Familienanschluss und gutes Essen sind dabei fast immer inklusive.

Zwei Dinge lernt jeder Tourist schnell, wenn er auf Kuba unterwegs ist. Erstens: Es klappt nicht immer alles so, wie man sich das denkt. Und zweitens: Am Ende wird immer alles gut. Aber eine Sache gibt es doch, die nahezu reibungslos funktioniert: das Übernachten in Privatunterkünften, den „Casas Particulares“. Ein mittlerweile nahezu flächendeckend ausgebautes Netz an Privatunterkünften hat sich über die größte Insel der Karibik gespannt. Von der Hauptstadt Havanna bis ins kleinste Dorf. Vor wenigen Jahren noch war das undenkbar. Vor wenigen Jahren erst hat die Regierung den Weg für Privatwirtschaft in diesem Bereich frei gemacht. Auch einige andere Branchen – Blumenverkäufer und Friseure etwa – dürfen nun in die eigene Tasche wirtschaften. Zumindest ein bisschen.

In La Boca, einem kleinen Strandort nahe Trinidad, haben Manuel und Maria diese Möglichkeit für sich genutzt. Sie konnten das Geld für die kostspielige Lizenz berappen und durften sich nach der staatlichen Anerkennung das Schild mit dem blauen Anker an die Tür hängen. Das Symbol sollte jeder Kubareisende kennen, denn es bedeutet: In diesem Haus können Touristen übernachten. Und: Als Zahlungsmittel werden Devisen akzeptiert. Auf Kuba ist damit die „Touristenwährung“ Peso Convertible, kurz CUC, gemeint. Die Einheimischen zahlen in „normalen“ Pesos.

Wer bei Maria und Manuel an die Tür klopft, wird freudig begrüßt. Zwei Zimmer hat das Ehepaar für Übernachtungsgäste hergerichtet. Beide haben einen direkten Zugang zur lauschigen Terrasse. Das Meer ist nur einen Steinwurf entfernt. Englisch sprechen die über 70 Jahre alten Gastgeber kaum. Für Touristen, die kein Spanisch sprechen, hat sich Maria deshalb eine praxistaugliche Sprachregelung einfallen lassen. Wer das Gefühl hat, er könnte ein neues Getränk gebrauchen oder noch einen Nachschlag vom selbst gekochten Abendessen, der soll nur laut rufen: „Maria, más“ („Maria, mehr“). Dann eilt sie herbei und hat meist schon das Richtige auf dem Tablett.

Die Freude, mit der die beiden ihre neue Aufgabe wahrnehmen, ist ansteckend. Spätestens wenn Maria ihren Gästen als Geschenk eine aus Melonenkernen gebastelte Kette um den Hals legt, spürt man den Unterschied zum normalen Hotel.

Mit im Schnitt 25 CUC pro Nacht (knapp 20 Euro) sind die Casas sehr günstig. In nahezu jeder Privatunterkunft gibt es optional Frühstück und Abendessen für wenig Geld. Zudem ist es selbst gemacht und meist besser als im Restaurant. Das Wichtigste aber ist: Der Reisende entdeckt in den Casas eine Welt, die ihm in klimatisierten Speisesälen verborgen bliebe. Eine Welt, in der abends das gekocht wird, was es morgens auf dem Markt gab, wo Rechnungen mit bunten Farben gemalt und nicht ausgedruckt werden und wo es zum Abschied einen Kuss auf die Stirn gibt. In den Casas ist man näher dran am „wahren“ Kuba. Natürlich gibt es auch bei den Privatunterkünften Unterschiede. Die einen sind besser, die anderen schlechter. Standard ist aber, dass der Tag mit einem üppigen Obstteller, frisch gepresstem Saft, Rührei, Brot, und selbst gemachter Konfitüre beginnt. Inklusive sind auch ein kleiner Plausch, Tipps für den Tag und die weitere Reiseplanung. Gern kümmern sich die Gastgeber um ein Taxi oder empfehlen eine Casa für die nächste Nacht.

Der gute Standard ist das Ergebnis eines Systems, das nicht über Sterne-Auszeichnungen, sondern über Empfehlungen unter den Touristen funktioniert. Kommt die eine Casa dabei nicht so gut weg, gehen die Touristen eben in die nächste. Dann wird es für die Betreiber schwer, die hohen Abgaben an den Staat zu bezahlen.

Ist die Unterkunft aber beliebt, haben die Inhaber die Chance, ein bisschen besser zu verdienen und manchmal sogar kleine Sprünge zu machen: mit neuem Holz den Zaun ausbessern, Farbe zum Streichen kaufen, ein paar Blumen im Garten pflanzen.

So, wie Maria und Manuel es gemacht haben. Die gute Lage direkt am Strand und die Herzlichkeit, mit der sie ihre Gäste empfangen, haben sich herumgesprochen. Alle paar Tage reist wieder jemand an und klopft an die Tür mit dem blauen Anker. Maria wird noch viele Melonenkern-Ketten basteln.

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Eine Antwort to “Kuba aus Sicht der Einheimischen entdecken”

  1. Jan Says:

    Hallo, vielen Dank für den interessanten Kuba-Bericht.
    Die Geschichte der Casas Particulares ist aber falsch geschildert. Nicht durch Raul Castro wurde der Weg 2010 freigemacht, sondern es war schon vorher möglich Casas Particulares zu betreiben. Ich bin 2007 durchs Land gereist und schon zu der Zeit bestand ein flächendeckendes Netz an Casas. Für Kubanern war es möglich zwei Zimmer, unter hohen Auflagen und Abgaben an Touristen anzubieten.


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