Der Detektiv, der Fremdgeher entlarvt

August 3, 2011

Der Mann umarmt die Geliebte - im Auto nimmt Beschatter Jo Sippel die Szene mit der Kamera auf

Der Mann umarmt die Geliebte – im Auto nimmt Beschatter Jo Sippel die Szene mit der Kamera auf

Der private Ermittler Joachim Sippel versteckt sich sogar in Kofferräumen, um untreue Ehepartner zu überführen. Sein Geschäft sind die Fakten.

Ein Auge auf, ein Auge zu. Jo Sippel schläft, Jo Sippel schläft nicht. „Ich habe gelernt, auf einem Auge zu schlafen“, raunt er. Seit einer halben Stunde sitzt er in seinem schwarzen Mercedes. Es ist das einzige Auto auf dem Aldi-Parkplatz in Bad Oldesloe. Das Radio dudelt leise, Taxifahrermusik, auf dem Display leuchtet die Uhrzeit. Es ist kurz nach elf Uhr nachts. Jo Sippel steckt sich eine neue John Player an. Er raucht sie schnell. Er drückt sie aus. Seine Haut ist grau von der vielen Qualmerei.

Diese Nacht schlägt er sich im Auftrag von Ulrike Mertens um die Ohren. Die Hamburgerin befürchtet, dass ihr Mann sie betrügt. Wahrscheinlich weiß sie es schon längst, denn die „Vermutung“ der 45-Jährigen hat bereits einen Namen und eine Adresse in Bad Oldesloe, der Kreisstadt etwa 50 Kilometer nordöstlich von Hamburg.

In Deutschland gibt es Millionen solcher Namen und Adressen, Doppelleben und geheimer Treffen. Laut einer Umfrage der Online-Paarvermittlung Parship gehen 30 Prozent der Männer und 38 Prozent der Frauen regelmäßig fremd. Das mag nicht repräsentativ sein, aber für Sippel bedeuten diese Zahlen ein gutes Geschäft.

Ulrike Mertens‘ Ehemann pendelt seit Jahren geschäftlich zwischen Hamburg und Dänemark hin und her. In den vergangenen Wochen aber hat der Heimweg aus Kopenhagen oft länger als gewöhnlich gedauert. Irgendwann glaubte Ulrike nicht mehr an Staus. Auch nicht an ein Nickerchen auf dem Rastplatz oder verpasste Fähren. An gar nichts mehr davon glaubte sie, als sie heimlich sein Handy-Protokoll durchsah und dabei eine Nummer entdeckte, die ihr verdächtig vorkam. Aber selber hinterher schnüffeln wollte sie nicht. Zu hoch das Risiko, dabei gesehen zu werden. Deshalb hat sie sich für einen Detektiv entschieden.

Und deshalb sitzt Sippel jetzt in Bad Oldesloe in seinem schwarzen Mercedes, wartet und raucht. Von dem Parkplatz aus hat er eine gute Sicht auf die Straße und auf den Wohnblock gegenüber, in dem die vermeintliche Geliebte jetzt ebenfalls warten dürfte. Das Licht einer Straßenlaterne fällt auf sein Gesicht. Die Falten darauf zeugen von vielen durchwachten Nächten. Er sieht älter aus als Ende 50, wie er vorgibt zu sein. Ein silberner BMW mit Hamburger Kennzeichen würde dem Warten sofort ein Ende machen, aber der kommt nicht. Wenn Sippel so wie jetzt stundenlang nur rumsitzt, ohne dass etwas passiert, dann geht die Faszination schon mal flöten, die der Beruf vor vielen Jahren auf ihn ausgeübt hat.

Früher, als junger Mann, ist er zur See gefahren und irgendwann in den USA gelandet. Dort begann er, in einer Detektei zu jobben. Das fand er aufregender als die Seefahrt. Doch jetzt, nach drei Stunden Parkplatz, sagt er: „Ganz schöner Scheißjob“, und lacht. Sippel muss husten. Er öffnet das Seitenfenster einen Spalt weit, damit Frischluft hereinströmt. So geht es weiter. Kippe. Husten. Frischluft. Kippe.

Nach weiteren zwei Stunden Observierung ruft Ulrike Mertens an. Ihr Mann habe gerade angerufen, sagt sie. Er bleibe noch eine Nacht länger in Kopenhagen. Sippel könne abbrechen. Der Privatdetektiv startet den Motor. Er wirkt unzufrieden. „Klar sagt ihr der Typ, dass er noch in Dänemark bleibt. Das gibt ihm doch nur ein zusätzliches Zeitfenster“, meint er. Aber nicht der Detektiv entscheidet, wann ein Auftrag erledigt ist, sondern der Kunde. Das Engagement kostet nicht wenig Geld – 60 Euro pro Stunde plus Spritgeld plus Nachtzuschlag.

Sippels Detektei ist eigentlich auf Wirtschaftskriminalität spezialisiert. Mehrmals pro Woche erreichen ihn aber auch Anfragen, ob er in Untreueangelegenheiten tätig werden könne. Seit der Scheidungsreform von 1976 werden Detektive allerdings sehr viel seltener für die Oberservierung potenzieller Fremdgänger und -gängerinnen engagiert. „Mit dieser Gesetzesänderung wurde ja das sogenannte Schuldprinzip abgeschafft“, erklärt der Privatermittler. „Vorher galt: Wer seinem Ehepartner Untreue nachweisen und damit die Schuld am Scheitern der Ehe geben konnte, der musste keinen Unterhalt mehr zahlen.“ Damals sei es nicht nur um Wut, Angst und gekränkten Stolz gegangen. „Damals ging es vor allen Dingen um jede Menge Geld.“

Aber wenn die Verzweiflung nur groß genug ist, dann seien einige auch heute noch bereit, viel Geld auf den Tisch zu legen, um sich Klarheit zu verschaffen. Um Schuld gehe es dann nicht mehr, nur noch um die Wahrheit. Um die Frage „Treu oder untreu?“ Sippel weiß aus Erfahrung: Ein Jein als Antwort gibt es selten.

„Frauen haben mit ihren Befürchtungen in mehr als 90 Prozent aller Fälle recht“, sagt er. „Sie haben eine feine Beobachtungsgabe, merken, wenn der Partner plötzlich ein neues Aftershave benutzt. Männer täuschen sich sehr oft.“ Meistens sind es jedoch die Ehemänner, die sich an Sippel wenden, weil sie ihren Partnerinnen misstrauen. „Leider“, sagt er. „Denn ich würde lieber mehr Männer beschatten. Das ist viel einfacher. Oft stellen die sich dabei so dusselig an und nehmen den direkten Weg zur Geliebten, dass ich nur gemütlich hinterherfahren muss.“ Frauen seien cleverer: „Die nutzen Hintereingänge, wechseln die Verkehrsmittel und tricksen bei den möglichen Zeitfenstern.“

In einem seiner „Fälle“ war es anders herum, erinnert sich Sippel. „Eine Frau wollte damals nur wissen, wo die Geliebte ihres Mannes wohnt. Reine Routine. Aber an diesem Ehemann hatten sich schon andere Detektive die Zähne ausgebissen. Jedes Mal hatte er gemerkt, dass er beschattet wird. Heute arbeite man mit einem GPS-System. „Das gab es damals aber noch nicht.“

Sippel überlegte sich etwas anderes. Er montierte einen Innenöffner im Kofferraum des Mannes und kroch hinein. Der Plan schien perfekt. „Sobald der Mann im Haus der Geliebten verschwinden würde, wollte ich einfach leise aussteigen und auf das Klingelschild schauen.“ Dummerweise fuhr der Ehemann mit seiner Geliebten lieber in den Wald, um sich dort im Auto zu vergnügen. Und da lag Sippel nun im Kofferraum und hörte sich das Stöhnen an. Observation leider unmöglich. Heute lacht er darüber. „Das war schon blöd, da im Kofferraum zu hocken. Ich hatte ja nicht mal Zigaretten.“ Wer Sippel bei der Geschichte mit dem Kofferraum ungläubig ansieht, der erntet nur Schmunzeln. „Ich hätte mich ja schlecht auf den Beifahrersitz setzen können“, grient er. „Ich habe auch schon in Kleiderschränken gehockt, habe Verfolgungsjagden hingelegt und bin auf Baumkronen geklettert, um besser ins Schlafzimmer gucken zu können.“ Angst, sagt er, habe er nie gehabt.

Überhaupt müsse man für den Beruf geboren sein, meint er. „Da rutscht man so rein.“ Denn eine Ausbildung zum Detektiv, Zertifikate oder offiziell anerkannte Schulungen gibt es nicht. Am Markt besteht man nur durch Erfolgsquoten, Mundpropaganda und absolute Diskretion. Sippel redet daher nicht gerne über seinen Job. Viel lieber über gutes Essen und über seinen besten Freund Theo von der Mosel, auch ein Schnüffler, mit dem er „sich ganz gerne mal einen hinter die Binde kippt“. Wenn man „Heldengeschichten“ von Sippel hören will, muss man hartnäckig nachhaken.

Die Diskussion über Untreue sieht Sippel ziemlich gelassen. Fremdgehen sei doch bloß ein Ur-Instinkt, zumindest bei Männern, findet er. „Wenn ich einem Mann eine Frau als Lockvogel vorsetze, die ihn anbaggert, und der Typ ergreift die Gelegenheit nicht , dann kann es dafür nur einen Grund geben: Ich habe die falsche Frau ausgesucht.“

Ist das die Welt, in der wir leben? Jeder, der noch an Streitgespräche am Küchentisch glaubt, fragt sich: Wie kann es so weit kommen, dass man den Menschen ausspionieren lässt, dem man eigentlich am meisten vertrauen sollte? Warum nicht einfach reden?

Eine mögliche Antwort lautet: Weil Lügen so einfach geworden ist. Weil es immer schwieriger wird, dem Partner auf die Schliche zu kommen. Ganz unverhohlen werben Datingagenturen im Internet mit „erotischen Abenteuern und Seitensprüngen“. Viele versprechen 100-prozentige Diskretion, wie etwa „Elbfreuden“. Und um ein paar Stunden ungestört seinen Spaß zu haben, muss es heute auch kein schmuddeliges Stundenhotel mehr sein. In den „Redrooms“ in Winterhude können stilvoll eingerichtete Zimmer für eine schnelle Nummer gemietet werden. Dazu ein netter Empfang am Tresen und ein Gläschen Sekt.

Fremdgeher hatten es nie leichter als heute. Die Bremer Alibiagentur Alibiprofi zum Beispiel rechtfertigt ihre Dienste mit dem K.-o.-Argument „Spaßgesellschaft“: „Wir verschaffen Ihnen den gewünschten Freiraum, Ihr eigenes Leben zu führen, sich nicht rechtfertigen zu müssen oder einfach mal wieder richtig durchatmen zu können“, heißt es auf der Homepage. Gegen Bares wird ein Lustwochenende dann als Geschäftsreise getarnt, und das ausgedachte Tagungshotel schickt den gefälschten Hotelbeleg mit Siegel zum Kunden nach Hause, für den Fall, dass dessen Partner die Post öffnet.

Jo Sippel glaubt trotzdem, dass zumindest Frauen merken, was Sache ist. Zwei Wochen nach der Nacht auf dem Parkplatz will Ulrike Mertens endlich Gewissheit. Noch einmal schickt sie Sippel nach Bad Oldesloe. Wieder stellt er sich auf den Aldi-Parkplatz, auf dieselbe Stelle.

Er hat Glück: Nach einer halben Stunde biegt der silberne BMW um die Kurve, hält in der Einfahrt. Ulrikes Mann steigt aus, geht ins Haus.

Sippel wählt die Nummer seiner Auftraggeberin. Sie ist zu Hause. Sie wird dort warten, bis ihr Mann zu ihr kommt. Sie wird Trampelpfade in den Boden laufen. Und sie wird viel Angst oder viel Wut haben. Wahrheit fordert Konsequenzen.

Später wird sie erzählen, was sie gesagt hat, als er nachts vor ihr stand: „Ich weiß, wo du warst.“ Er leugnet. Ulrike nennt Namen und Adresse. Er leugnet. Erst als sie von Sippel erzählt, knickt er ein. Manchmal schaut Sippel dem großen Showdown aus dem Auto zu. „Eine hat mal mit dem Regenschirm auf ihren Mann eingeschlagen.“

Aber in der Regel erfährt er selten, was passiert, wenn sein Auftrag erledigt ist. Wo sein Job aufhört, fangen andere an, Geld zu verdienen: Paarberater, Flirtcoachs, Psychologen. Persönliche Dramen sind Jo Sippel im Grunde auch egal. „Gefühle und Moral lasse ich zu Hause“, sagt er. Dort lebt er mit seiner 18 Jahre jüngeren Frau zusammen, die er Gästen gerne erst mal als seine Schwester vorstellt. Dann lacht sie.

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