Und ich sach noch

Juli 22, 2010

In der deutschen Sprache bürgern sich ja mitunter häßliche Ausdrucksformen ein. Ständig „halt“ zu sagen zum Beispiel. Aber gut, daran will ich mich nicht festbeißen. Ist halt so. Ebenso gängig, zumindest im Norden des Landes, ist der Gebrauch von „ich sach“, zu deutsch: ich sage.

Im Kindes- und Jugendalter lernen die meisten Menschen im besten Fall, Dinge zu abstrahieren, sind also in der Lage, Situationen auf einer höheren Ebene zusammen zu fassen. Aus:„Erst hat er mir meine Banane weggenommen, dann habe ich gesagt…, dann hat er gesagt…, dann hat sie sich eingemischt, dann habe ich die Banane zurückgeklaut und dann…..“ würde also mit zunehmend geistiger Reife schlicht werden: „Wir haben uns um eine Banane gestritten.“ Viele Menschen halten von der Runterbrecherei auf die Kernaussage nichts, haben Angst, dass ein Originalzitat unerwähnt bliebe. (Gerade Frauen, damit sie dieses in alle erdenklichen Richtungen zur Unkenntlichkeit kaputtdeuten können). Dabei bedienen sich viele dem sprachlichen Stilmittel „Ich sach“. Dahinter steht gedanklich ein Doppelpunkt, wir geben also Gespräche in der direkten Rede wieder, wie bei Lessing, nur nicht so schön.

Heute erzählte mir eine Bekannte. „Und ich sach noch: das is ’ne Unverschämtheit. Ich sach: ehrlich. Ich sach: so geht das nicht.“ Sachte sie.

Wenn man schon nicht umhin kann, Situationen wie ein Diktiergerät wieder zu geben, dann gebe es jedenfalls viele andere und meist auch treffendere Verben. Vorschlag: „Und dann beschwerte ich mich über diese Unverschämtheit und machte deutlich, dass das so einfach nicht geht.“ Vielleicht auch nicht so eine riesige Idee, aber allemal besser als der Extremfall: Die „ich-sach-noch-Variante“ wird nämlich auch gerne um die „sach- ich-Variante“ erweitert. „Und ich sach noch: so geht das nicht, sach ich.“ Auf diese Verwendung angesprochen, würden viele wahrscheinlich erst mal erstaunt reagieren (da sachste was!) und sich dann vermutlich rechtfertigen: “Ist halt so“.

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Das derzeitige Schwitzen, der Drang, sich minütlich die Hände zu waschen und der nächtliche Kampf gegen die Decke (die einen bedecken soll ohne zu wärmen), drängt einem ja einen Artikel über die Hitzewelle auf. Aber über das Wetter schreibt man ja bekanntlich nur, wenn einem sonst nichts einfallen will. Also schreibe ich lieber über die wetter- und gesprächskulturlose Zone des Fahrstuhls. Jeden Tag fahre ich mit dem Lift in den zweiten Stock ins Büro.  Zur Pause wieder runter, nach der Pause wieder hoch und abends zurück. Eine Fahrt dauert 17 Sekunden. Und oft bin ich nicht der einzige Fahrgast. Es scheinen für die kurze Zeit, die man gezwungenermaßen miteinander verbringt, jedoch Regeln zu gelten, die sonst niergends herrschen. Irgendwo muss zumindest geschrieben stehen, dass man während der Fahrt die Richtung derselben oder zumindest die Zieletage in irgendeiner Form zu kommentieren hat. Das geht ungefähr so: „Oh, sie fahren in den Zweiten, junge Dame. Sie wollen wohl hoch hinaus, was? “ oder auch: „Ach, nach unten geht’s. Nehmen Sie mich dann eine Etage mit?“ Als bliebe einem die Wahl.  Ich antworte dann stets brav im Fahrstuhlsoziolekt: „Ja, genau, ich will hoch hinaus, aber bis in die Dritte habe ich es noch nicht geschaftt“ und  „Na klar, fahren wir eine Station zusammen.“ So geht es tagein tagaus. Alles nette Menschen vermutlich, aber die Kargheit des Ratterlifts, die mangelnden Assozitaionsmöglichkeiten und die Kürze der Fahrt zwingen einen zu derlei ungeübt wirkendem Smalltalk.  Heute versuchte ich deshalb mit meinem schweißgeperlten Mitfahrer eine neue Gesprächskultur zu etablieren und landete wieder beim Wetter:  „Bei den Temperaturen zu arbeiten, ist ganz schön hart“, sage ich und wische mir nochmal demonstrativ mit den Händen den Schweiß von der Stirn. Er darauf: „Ich fahre ja in den Keller, da gehts“. Wie man es dreht, letztendlich hat jeder doch nur seine nächste Station im Kopf. Wie im wahren Leben