Die Ball-Probe

Januar 24, 2010

Es gibt ja Leute, die gehen nirgendwo allein hin. Nicht ins Kino, nicht ins Café, nicht ins Schwimmbad. Es ist die Angst, als Einzelner allein zu sein, in einer Gesellschaft, in der Paare sogar den Toilettengang gemeinsam unternehmen. Ich finde das albern. Allein im Kino in der letzten Reihe ein Glas Rotwein trinken und „Effie zu Briest“ schauen, hat doch etwas Romantisches. In Kneipen und Cafés den Gesprächen der Verzweiflungstäter am Tresen zu lauschen, kann aufregender sein, als die letzte Einstellung einer Gute Zeiten, Schlechte Zeiten Folge. Am vergangenen Samstag aber habe ich den Schwierigkeitsgrad der Alleinunternehmungen deutlich erhöht. Es ging für mich auf den Hamburger Presseball. Allein. Ohne Anhang und ohne Aussicht auf dem Tanzparkett Bekannte zu treffen. Auf der Hinfahrt im Taxi zweifle ich an der Sinnhaftigkeit der ganzen Aktion. Mit Freunden „Wetten, dass…?“ gucken, wäre vielleicht doch lustiger gewesen. Mit Turm auf dem Kopf und kleinem Schwarzen werde ich vor dem Atlantik Hotel rausgelassen. Ich gehe direkt in den großen Festsaal. Die meisten kenne ich vom Sehen. Aber das bringt mir nichts. Mich kennt niemand. Noch nicht mal vom Sehen. Ich suche einen Platz, an dem Alleinsein irgendwie normal aussieht. Nichts geht da besser als die dunkle Hotelbar. Barhocker geschnappt, Rotwein bestellt, Gauloise Rouge in den Mund gesteckt – fertig. So geht das. Ich übe Ringe pusten und beobachte ein altes Paar, dass neben mir sitzt und sich seit 20 Minuten bei Jever Fun anschweigt. Immerhin schweigt mich keiner an. Trotzdem habe nach dem zweiten Merlot Lust auf Reden. Ole von Beust steht neben mir am Tresen. Ich könnte ihn nach der Finanzierung der Elbphilharmonie fragen oder nach der Schulreform. Könnte ich aber auch lassen. Aus der Menge heraus steuert nun ein junger Typ mit Nickelbrille auf mich zu. Er bietet mir ne Zigarette an. Schon beim ersten Zug sagt er, seine Freundin, die auch da wäre, würde gleich sehr böse reagieren. Entspannte Freundin, denke ich. Dann lieber allein da sein, als so eine im Schlepptau. Wir unterhalten uns trotzdem zwei Wein- und etliche Zigarettenlängen bis die Grande-Dame wütend anstapft. Ich bin dann mal weg. Ich merke den Wein und möchte reden, mir egal mit wem. Das alte Pärchen hat sich zwei neue alkoholfreie Biere bestellt, mein Tresenfreund küsst seine kühle Blonde und für Ole sind mir immer noch keine Fragen eingefallen. Zeit, zu gehen. Im Taxi bin ich irgendwie stolz. Ich glaube, so uncool sah das Ganze nicht aus. Eigentlich ganz lässig. Aber viel lässiger ist es, jetzt Freunde zu haben, die man besuchen kann, um den Abend ausklingen zu lassen. Irgendwie hat die Autorin Anna Gavalda doch recht: Zusammen ist man weniger allein.